Buddhismus
Wiedergeburt ohne Seele
Der Buddhismus teilt mit dem Yoga den Kreislauf (saṁsāra) und das Ziel, ihn zu verlassen. Der Buddha selbst soll in der Nacht seines Erwachens seine früheren Leben geschaut haben (Majjhima-Nikāya 36). Der entscheidende Unterschied liegt darin, was wiedergeboren wird: Der Buddhismus lehrt Nicht-Selbst (anattā). Es gibt keinen Ātman, der von Körper zu Körper wandert.
Was weitergeht, ist ein Strom bedingter Vorgänge: Absichten, Eindrücke, Bewusstseinsmomente. Das Bild dafür stammt aus dem Milindapañha: Eine Flamme zündet eine zweite Kerze an. Die zweite Flamme ist nicht dieselbe wie die erste, aber auch nicht von ihr unabhängig. So ist der Neugeborene weder derselbe wie der Verstorbene noch ein völlig anderer.
Die Tradition kennt sechs Daseinsbereiche, die das Lebensrad (bhavacakra) zeigt:
- Götter und Halbgötter
- Menschen
- Tiere
- Hungergeister (preta)
- Höllenwesen
Keiner dieser Bereiche ist von Dauer, auch der himmlische nicht. Die Menschengeburt gilt als besonders wertvoll, weil nur hier Erwachen möglich ist. Ein Gleichnis des Buddha vergleicht ihre Seltenheit mit einer blinden Schildkröte, die alle hundert Jahre auftaucht und dabei den Kopf durch ein einzelnes Joch steckt, das auf dem Ozean treibt (Majjhima-Nikāya 129). Der tibetische Buddhismus beschreibt im Bardo Thödol die Zwischenzustände zwischen Tod und neuer Geburt, traditionell 49 Tage. Das Ziel, Nirvāṇa, ist das Ende des Kreislaufs.
Jainismus
Die Seele auf Wanderschaft
Im Jainismus ist die Seele (jīva) ewig, individuell und von Natur aus allwissend. Karma, hier als feinstoffliche Materie verstanden, haftet an ihr und bestimmt, in welcher Daseinsform sie wiedergeboren wird. Vier Bereiche (gati) gibt es:
- Deva: Himmelswesen
- Manuṣya: Menschen
- Tiryañc: Tiere und Pflanzen
- Nāraka: Höllenwesen
Weil jedes Lebewesen, bis hinunter zu Pflanzen und Kleinstlebewesen, eine Seele auf ihrem Weg ist, folgt daraus die strengste Gewaltlosigkeit (ahiṁsā) aller indischen Traditionen: vegetarische Ernährung, Mundtücher gegen das Einatmen von Insekten, sorgsames Gehen.
Der Kreislauf endet, wenn alles Karma abgetragen ist. Die befreite Seele (siddha) steigt dann zum höchsten Punkt des Kosmos auf und bleibt dort in Allwissenheit und Seligkeit, ohne je wiederzukehren. Wie im Yoga ist Wiedergeburt hier kein Trost, sondern das, was überwunden werden soll.
Sikhismus
Die seltene Gelegenheit
Der Sikhismus übernimmt Karma und den Kreislauf von Geburt und Tod (āvāgavan, „Kommen und Gehen“) aus seiner indischen Umgebung. Die Seele wandert, so die Überlieferung, durch 8,4 Millionen Lebensformen (chaurāsī lakh jūn), bis sie als Mensch geboren wird. Der Guru Granth Sahib sagt dazu: „Dieser menschliche Körper ist dir zugefallen; dies ist deine Gelegenheit, Gott zu begegnen.“
Die Menschengeburt ist also eine seltene Chance, nicht ein Anspruch. Befreiung (mukti) kommt nicht durch Karma allein, sondern durch die Gnade Gottes (nadar) und das Erinnern seines Namens (nām simran). Wer den Namen vergisst, kehrt in den Kreislauf zurück; wer sich ihm zuwendet, wird von Geburt und Tod frei.
Anders als in manchen hinduistischen Schulen kennt der Sikhismus keine Kastenordnung, die durch Wiedergeburt gerechtfertigt würde. Vor Gott sind alle gleich, und der Weg aus dem Kreislauf steht jedem offen.
Griechische Antike
Seelenwanderung bei Pythagoras und Platon
Auch Europa kannte den Gedanken, lange vor jedem Kontakt mit Indien. Die Griechen sprachen von Metempsychose, „Seelenwanderung“, oder Palingenesie, „Wiederentstehung“. Als Erster wird Pythagoras (6. Jh. v. Chr.) genannt: Er soll die Seele eines verstorbenen Freundes im Winseln eines geschlagenen Hundes erkannt haben, wie Xenophanes spöttisch berichtet. Die Orphiker lehrten einen Kreislauf der Seele, aus dem Reinheit und Einweihung befreien. Empedokles schrieb von sich, er sei einst Knabe und Mädchen gewesen, Busch, Vogel und Fisch.
Bei Platon wird die Seelenwanderung Teil der Philosophie:
- Phaidon: Die Seele ist unsterblich und geht nach dem Tod in einen Körper ein, der ihrer Lebensweise entspricht: Völler in Esel, Gewalttätige in Wölfe und Habichte, rechtschaffene Bürger in Bienen und Ameisen (81e bis 82b).
- Menon: Lernen ist Wiedererinnerung (anámnēsis) an das, was die Seele vor der Geburt geschaut hat.
- Phaidros: Die Seele durchläuft einen Kreislauf von zehntausend Jahren; wer dreimal philosophisch lebt, wird frei.
- Politeia, 10. Buch: Im Mythos des Er wählen die Seelen ihr nächstes Leben selbst und trinken dann aus dem Fluss Lethe, dem Vergessen.
Die Nähe zu Indien ist auffällig: Kreislauf, Vergessen der früheren Leben, Befreiung durch Erkenntnis. Ob es einen historischen Austausch gab, ist umstritten. Sicher ist, dass die platonische Linie über Plotin und die Renaissance bis in die Esoterik der Neuzeit wirkt.
Judentum
Gilgul: Rückkehr zur Wiedergutmachung
Die Tora und der Talmud kennen keine Seelenwanderung. Der Gelehrte Saadia Gaon lehnte sie im 10. Jahrhundert ausdrücklich ab. Erst in der Kabbala taucht der Gedanke auf: zuerst im Sefer ha-Bahir (Südfrankreich, Ende des 12. Jahrhunderts), dann im Sohar (13. Jahrhundert). Das hebräische Wort dafür ist gilgul, „Kreisen, Rollen“.
Ausgearbeitet hat die Lehre Isaak Luria im Safed des 16. Jahrhunderts; sein Schüler Chaim Vital hielt sie im Scha’ar ha-Gilgulim, dem „Tor der Seelenwanderungen“, fest. Der Sinn der Rückkehr ist hier Tikkun, Wiedergutmachung: Die Seele kehrt zurück, um Gebote zu erfüllen, die sie versäumt hat, und um sich zu vervollkommnen. Die Zahl der Rückkehrten gilt als begrenzt.
Im Chassidismus wurde Gilgul zum festen Bestandteil der Frömmigkeit; in Reformjudentum und in Teilen der Orthodoxie spielt der Gedanke kaum eine Rolle. Er ist eine Strömung, kein Dogma.
Christentum
Einmal leben, einmal sterben
Keine der großen Kirchen lehrt Wiedergeburt. Der Hebräerbrief sagt: „Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (Hebräer 9,27). An die Stelle der Wiederverkörperung tritt die Auferstehung: Die Person bleibt einmalig und wird als ganze, mit Leib, erneuert. Das Wort „Wiedergeburt“ hat im Christentum einen eigenen Sinn und meint die geistliche Erneuerung in Taufe und Glauben (Johannes 3).
Oft wird behauptet, die Kirche habe die Reinkarnation auf dem Konzil von Konstantinopel 553 „abgeschafft“ oder aus der Bibel entfernt. Die Quellen geben das nicht her. Verurteilt wurde die Lehre des Origenes (um 185 bis 254) von der Präexistenz der Seele vor der Empfängnis; eine wiederholte Verkörperung war nicht Gegenstand der Verhandlungen. Von einer Streichung aus den biblischen Schriften ist nichts bekannt.
Randströmungen dachten anders: Die Katharer im 12. und 13. Jahrhundert glaubten an eine Wanderung der Seele durch mehrere Körper. Und heute ist der Gedanke auch unter Christen verbreitet: In den USA glaubt nach einer Umfrage des Pew Research Center von 2021 rund ein Drittel der Erwachsenen an Reinkarnation, darunter etwa 30 Prozent derer, die sich als Christen bezeichnen. In Europa liegen die Werte je nach Fragestellung zwischen 10 und 30 Prozent.
Islam
Auferstehung statt Wiederkehr
Der Koran kennt ein Leben, den Tod, die Auferstehung (qiyāma) und das Gericht. Die Seelenwanderung (tanāsukh) wird von der sunnitischen und der schiitischen Mehrheit abgelehnt. Eine Stelle wird oft dafür angeführt: Der Sterbende bittet, zurückkehren zu dürfen, um Gutes zu tun, und es heißt, hinter ihm sei eine Schranke (barzakh) bis zum Tag der Auferstehung (Sure 23,99 bis 100).
Einige Gemeinschaften am Rand des Islam lehren die Wiederkehr dennoch:
- Drusen: Die Seele geht unmittelbar nach dem Tod in einen neuen menschlichen Körper ein, nie in ein Tier. Die Zahl der Seelen ist konstant.
- Alawiten (Nusairier): Kennen eine Läuterung durch mehrere Leben.
- Teile der Aleviten: Vertreten je nach Region und Lehrer unterschiedliche Vorstellungen von Wiederkehr.
Gemeinsam ist Islam und Yoga die Überzeugung, dass das Handeln in diesem Leben Folgen hat, die über den Tod hinausreichen. Der Rahmen ist ein anderer: hier die einmalige Rechenschaft, dort der Kreislauf.
Westliche Neuzeit
Von Lessing bis zur Reinkarnationsforschung
Das Wort „Reinkarnation“ selbst ist jung. In den Westen kam es 1857 durch das Buch der Geister des französischen Spiritisten Allan Kardec; vorher sprach man von Metempsychose oder Seelenwanderung. Der Gedanke war schon früher zurückgekehrt: Lessing fragte 1780 in „Die Erziehung des Menschengeschlechts“: „Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin?“ (§ 98). Damit wendet er die Idee ins Aufklärerische: Wiedergeburt als Fortschritt, nicht als Kreislauf, dem man entkommen will.
Diese Wendung prägt das westliche Verständnis bis heute:
- Schopenhauer bewunderte die indische Lehre und sprach von einer „Palingenesie“ des Willens, der sich stets einen neuen Intellekt schafft.
- Theosophie (Helena Blavatsky, ab 1875) und Anthroposophie (Rudolf Steiner) verbanden Karma und Wiedergeburt mit dem Gedanken der Entwicklung des Menschen.
- Im New Age wurde Wiedergeburt zur Chance auf Selbstverwirklichung; erwartet wird fast immer eine Wiederkehr als Mensch.
Auch die Wissenschaft hat sich des Themas angenommen. Der Psychiater Ian Stevenson (University of Virginia) sammelte ab den 1960er Jahren rund 2.500 Fälle von Kindern, die von einem früheren Leben berichteten, und prüfte die Angaben; sein Nachfolger Jim Tucker führt die Arbeit fort. Die Befunde sind umstritten; eine anerkannte Erklärung, wie Erinnerungen von einem Körper in einen anderen gelangen sollten, gibt es nicht. Für den Yoga ist das kein Problem: Seine Übungen gelten unabhängig davon, was man über das nächste Leben denkt.