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Wiki · Yoga-Wissen

Reinkarnation

Wiedergeburt und Kreislauf

Reinkarnation, auf Sanskrit punarjanman (पुनर्जन्म), „Wieder-Geburt“, ist die Vorstellung, dass mit dem Tod nicht alles endet, sondern etwas in einen neuen Körper eingeht. Im Yoga ist sie untrennbar mit dem Karma verbunden: Das Handeln bestimmt die nächste Geburt. Auf dieser Seite erfährst du, woher der Gedanke kommt, was nach den Texten wandert und was nicht, warum Wiedergeburt im Yoga kein Trost ist, und wie andere Traditionen darüber denken.

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Die Bedeutung

Was ist Reinkarnation?

Das lateinische Wort re-incarnatio heißt wörtlich „Wieder-Fleischwerdung“. Es bezeichnet keine einzelne Lehre, sondern eine Familie von Vorstellungen, die sich in vielen Religionen findet: Etwas vom Menschen überdauert den Tod und tritt in einen neuen Körper ein. Andere Namen dafür sind Wiedergeburt, Wiederverkörperung und Seelenwanderung.

Im Yoga heißt der Vorgang punarjanman, „Wieder-Geburt“, und der Kreislauf, in dem er sich wiederholt, Saṁsāra, wörtlich „Umherwandern“. Beide Begriffe hängen an einem dritten: dem Karma. Weil jede Handlung eine Spur hinterlässt und diese Spuren zu Erfahrungen heranreifen, braucht es einen Ort, an dem sie reifen können. Reicht ein Leben dafür nicht aus, folgt ein weiteres.

Damit ist auch gesagt, wie der Yoga die Wiedergeburt bewertet: Sie ist nicht das Ziel, sondern das Problem. Der Kreislauf bedeutet, immer wieder geboren zu werden, zu altern, zu leiden und zu sterben. Alle indischen Traditionen, die ihn lehren, lehren zugleich den Weg hinaus: Mokṣa, die Befreiung.

Punarjanman„Wieder-Geburt“ (punar „wieder“, janman „Geburt“). Der Sanskrit-Begriff für Reinkarnation; auch punarbhava, „Wieder-Werden“. Zur Tabelle →
Saṁsāra„Umherwandern, Durchlaufen“: der Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Im Deutschen sagen wir der Saṁsāra.
Jīva„Der Lebende“: die einzelne, verkörperte Seele, die wandert. Im Vedānta ist der Jīva der Ātman, solange er sich mit Körper und Geist verwechselt.
Sūkṣma śarīra„Feinkörper“: Geist, Sinne, Lebensenergie und die gespeicherten Eindrücke. Er löst sich beim Tod vom groben Körper und geht in den nächsten ein.

Die Herkunft

Woher kommt der Gedanke?

Die Wiedergeburt ist in Indien nicht von Anfang an da. Sie entsteht in den Jahrhunderten zwischen den frühen Veden und den Upanishaden, und sie entsteht zusammen mit dem Gedanken des Karma.

Um 1500 bis 1000 v. Chr.

Die frühen Veden

Der Ṛgveda kennt keine Wiedergeburt. Die Toten gehen den „Weg der Väter“ zu Yama, dem Herrn der Verstorbenen, und leben dort weiter (Ṛgveda 10,14). Das Feuer trägt den Toten hinüber; ein Zurück in einen neuen Körper ist nicht im Blick.

Um 1000 bis 800 v. Chr.

Die Brāhmaṇas

In den Ritualtexten taucht eine neue Sorge auf: punarmṛtyu, der „Wieder-Tod“. Auch das Leben im Jenseits könnte enden. Das Opfer soll davor schützen. Aus dieser Angst vor dem erneuten Sterben wird der Gedanke des erneuten Geborenwerdens.

Ab etwa 800 v. Chr.

Die Upanishaden

Hier wird der Kreislauf zum ersten Mal klar ausgesprochen und mit dem Handeln verknüpft. „Wie einer handelt und wie einer wandelt, so wird er“ (Bṛhadāraṇyaka 4,4,5). Die Lehre von den zwei Wegen und den fünf Feuern (Chāndogya 5,3 bis 10) beschreibt, wie der Verstorbene über Mond, Regen, Pflanze und Nahrung in einen neuen Mutterleib gelangt.

Von da an gehört die Wiedergeburt zum Grundbestand des indischen Denkens: Buddhismus und Jainismus setzen sie voraus, die Bhagavad Gītā und das Yogasūtra bauen darauf. Das deutsche Wort „Reinkarnation“ dagegen ist jung: Es kam erst 1857 über den französischen Spiritismus in den westlichen Sprachgebrauch.

Drei Quellen

Was die Texte sagen

Drei Schriften prägen das Verständnis der Wiedergeburt im Yoga. Sie widersprechen sich nicht, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte: das Bild, die Haltung, der Mechanismus.

Eine Raupe greift vom Ende eines Grashalms auf einen zweiten Halm hinüber, Tautropfen im Morgenlicht

उपनिषद्

Upanishaden

Das Bild

Kurz gefasst

Die Bṛhadāraṇyaka-Upanishad vergleicht die Seele mit einer Raupe, die am Ende eines Grashalms einen neuen Halm ergreift und sich hinüberzieht, und mit einem Goldschmied, der aus altem Gold eine neue, schönere Gestalt formt. Die Kaṭha-Upanishad ergänzt: Manche gehen in einen Mutterleib, andere in Unbewegliches, je nach Handeln und Wissen.

Stellen

Bṛhadāraṇyaka 4,4,3 bis 6 · Chāndogya 5,10 · Kaṭha 2,2,7

Ein abgetragenes blaues Gewand liegt über einer Holzbank, daneben ein frisch gefaltetes helles Gewand

भगवद्गीता

Bhagavad Gītā

Die Haltung

Kurz gefasst

„Wie ein Mensch abgetragene Kleider ablegt und neue anzieht, so legt der Verkörperte abgetragene Körper ab und geht in neue ein.“ Krishna tröstet Arjuna nicht mit der Wiedergeburt, sondern mit dem, was nicht wiedergeboren wird: das Selbst, das „nie geboren wird und nie stirbt“. Wer zu ihm gelangt, kehrt nicht wieder.

Stellen

Gītā 2,20 bis 22 · 2,27 · 8,6 · 8,15 bis 16

Querschnitt durch Erde: ein aufgesprungener Same treibt Wurzeln nach unten und einen Keim ins Morgenlicht

योगसूत्र

Yogasūtra

Der Mechanismus

Kurz gefasst

Patañjali beschreibt, wie Karma zur Geburt wird: Solange die Wurzel (die Kleśas) besteht, reift der Speicher des Karma zu „Geburt, Lebensdauer und Erfahrung“. Erinnerung und Eindrücke bilden eine ununterbrochene Kette, auch über Geburt, Ort und Zeit hinweg. Wer die Eindrücke unmittelbar schaut, erkennt frühere Geburten.

Stellen

Yogasūtra 2,12 bis 14 · 3,18 · 4,9

Eine Klärung

Was wird eigentlich wiedergeboren?

Nicht das Selbst. Das ist der Punkt, an dem der Yoga von der landläufigen Vorstellung abweicht. Der Ātman, das reine Bewusstsein, wird nach den Upanishaden und der Gītā weder geboren noch stirbt es; es wandert auch nicht. Was wandert, ist der Feinkörper (sūkṣma śarīra): Geist, Sinne, Lebensenergie und vor allem die gespeicherten Eindrücke, die saṁskāras. Der Vedānta nennt diese Einheit den Jīva, die einzelne Seele, die sich mit ihrem Feinkörper verwechselt.

Der Feinkörper trägt Neigungen, Muster und den Speicher des Karma von einem groben Körper zum nächsten. Nicht mitgetragen werden die Erinnerungen des Alltags, der Name, die Persönlichkeit. Deshalb erinnern wir uns nicht an frühere Leben, und deshalb ist die Person, die wiedergeboren wird, nicht einfach „ich, nur in einem anderen Körper“. Was fortbesteht, ist ein Strom von Prägungen, nicht das Ich, das sich gerade an ihn klammert.

Für die Praxis heißt das: Was wir heute üben, prägt den Feinkörper. Gewohnheiten, die wir hier anlegen, gehen mit; was wir hier lösen, muss nicht mitgehen.

Gītā 2,22 · vāsāṁsi jīrṇāni yathā vihāya · navāni gṛhṇāti naro ’parāṇi

Der Zusammenhang

Karma und Wiedergeburt

Karma und Wiedergeburt sind zwei Seiten eines Gedankens. Das Karma ist die Ursache: Handlungen hinterlassen Eindrücke, die zu Erfahrungen heranreifen. Die Wiedergeburt ist die Folge: Weil nicht alle Eindrücke in einem Leben reifen können, braucht es weitere Leben. Patañjali sagt es in einem Satz: Solange die Wurzel besteht, reift sie zu Geburt, Lebensdauer und Erfahrung (Yogasūtra 2,13).

Im Bild des Bauern aus dem Karma-Artikel: Das Prārabdha, das begonnene Karma, ist der Teil des Speichers, der eine neue Geburt auslöst und ihre Umstände bestimmt: Körper, Familie, Anlagen, Lebensdauer. Es ist der Pfeil, der die Sehne verlassen hat. Was wir in diesem Leben neu erzeugen, das Āgāmi, fließt in den Speicher zurück und wird zur Saat kommender Geburten.

Daraus ergibt sich auch der Ausweg. Wer keine neuen Eindrücke mehr setzt und dessen alte Eindrücke durch Erkenntnis entkräftet sind, für den gibt es keinen Grund mehr für eine weitere Geburt. Die Kette reißt nicht durch Sterben, sondern durch Erkennen.

Vom Handeln zur Geburt

  1. Handlung in Gedanken, Worten und Taten, getragen von Begehren oder Abneigung, hinterlässt einen Eindruck (saṁskāra).
  2. Die Eindrücke sammeln sich im Speicher des Karma (karmāśaya), dem Sañcita, und warten auf ihre Reifung.
  3. Ein Teil davon reift zum Prārabdha: Er löst eine Geburt aus und bestimmt Körper, Lebensdauer und die Grundfarbe der Erfahrungen (Yogasūtra 2,13).
  4. In diesem Leben antworten wir auf das Begonnene und erzeugen neues Karma, das Āgāmi. Der Kreis schließt sich, solange die Kleśas bestehen.
  5. Erkenntnis röstet die Samen. Sie sehen aus wie zuvor, keimen aber nicht mehr. Ohne Keim keine neue Geburt: Mokṣa.

Ein Missverständnis

Wiedergeburt als Trost?

Wenn wir heute von Wiedergeburt sprechen, meinen wir meist eine zweite Chance: noch einmal leben, dazulernen, nachholen. Seit Lessing hat der Westen den Gedanken ins Hoffnungsvolle gewendet, und das ist verständlich. Die indischen Traditionen sehen es anders herum: Der Kreislauf ist das, wovon man frei werden will. Der Unterschied lohnt einen genaueren Blick.

Oft gehörtWiedergeburt ist eine zweite Chance.

Im YogaIm Yoga ist sie das Fortdauern eines Problems. Jede Geburt bringt Alter, Krankheit und Tod mit sich. Die Gītā verspricht denen, die zum Ziel gelangen, gerade dies: keine Wiedergeburt (8,16).

Oft gehörtIch war in einem früheren Leben eine berühmte Persönlichkeit.

Im YogaErinnerung und Persönlichkeit gehören zum groben Körper und gehen nicht mit. Nur wer die Eindrücke unmittelbar schaut, erkennt frühere Geburten (Yogasūtra 3,18). Und die meisten Geburten sind, wie die meisten Leben, unspektakulär.

Oft gehörtWer gut lebt, steigt auf; wer schlecht lebt, steigt ab.

Im YogaEs gibt keinen Aufzug. Auch die Götterwelten sind vergänglich, „alle Welten bis hin zu Brahmās Welt kehren wieder“ (Gītā 8,16). Karma urteilt nicht; es wirkt. Die Menschengeburt gilt als wertvoll, nicht weil sie hoch ist, sondern weil nur hier Befreiung möglich ist. Mehr dazu ↓

Oft gehörtMan kann sich seine nächste Geburt aussuchen.

Im YogaDie Gītā sagt: Woran einer im Sterben denkt, dahin geht er (8,6). Aber dieser letzte Gedanke ist die Frucht eines ganzen Lebens, kein Entschluss im letzten Augenblick. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf dem Üben jetzt.

Muss man an Wiedergeburt glauben, um Yoga zu üben? Nein. Die Anweisungen des Yoga gelten für dieses Leben: klar handeln, den Geist beruhigen, das Selbst vom Wandelbaren unterscheiden. Ob dahinter ein weiteres Leben steht oder nicht, ändert nichts daran, was heute zu tun ist. Śaṅkara nennt drei Dinge selten: als Mensch geboren zu sein, nach Befreiung zu streben und einen Lehrer zu finden. Zwei davon liegen in unserer Hand.

Eine Nachfrage

Mensch, Tier oder Pflanze?

Oft heißt es, wer schlecht gelebt habe, werde als Tier wiedergeboren, wer gut gelebt habe, als Mensch oder Gott. Stimmt das? Ja, die Texte sagen es so. Aber was sie damit meinen, ist etwas anderes als eine Strafliste.

Ein alter Baum auf einer Wiese im Morgenlicht: in den Wurzeln Mäuse und Samen, in den Ästen Vögel und ein Eichhörnchen, am Fuß zwei Hunde und eine Ziege, daneben ein sitzender Mensch mit dem Rücken zum Betrachter
Ein Baum, viele Wesen: dieselbe Erde, dasselbe Licht, keine Rangfolge.

Chāndogya-Upanishad 5,10,7

Wer sich hier angenehm verhalten hat, gelangt in einen angenehmen Schoß; wer sich übel verhalten hat, in einen üblen: den eines Hundes, eines Schweins oder eines Ausgestoßenen.

Kaṭha-Upanishad 2,2,7

Manche gehen in einen Mutterleib ein, um verkörpert zu werden; andere gehen ins Unbewegliche (sthāṇu), also in Pflanzen und Bäume, je nach ihrem Handeln und ihrem Wissen.

Bhagavad Gītā 14,18 · 16,19 bis 20

Wer in Sattva steht, geht aufwärts; wer in Rajas, bleibt in der Mitte, der Welt der Menschen; wer in Tamas, geht abwärts. Grausame und Hasserfüllte werden „Geburt für Geburt in dämonische Schöße“ geworfen.

Manusmṛti, 12. Kapitel

Der ausführlichste Katalog: Wer Getreide stiehlt, wird zur Ratte; wer einen Brahmanen tötet, geht durch Schöße von Hund, Schwein, Esel, Kamel und Vogel. Die Purāṇas zählen 8,4 Millionen Geburtsformen (yoni).

Was steckt dahinter?

Zunächst eine Klärung: Eine Wiedergeburt als unbelebte Materie, als Stein oder Wasser, kennen die klassischen indischen Texte nicht. Die unterste Stufe ist das „Unbewegliche“, und damit sind Pflanzen gemeint, keine Steine. Die Ausnahme ist der Jainismus: Dort gelten auch Erd-, Wasser-, Feuer- und Windkörper als einsinnige Lebewesen mit Seele. Ein Erdklumpen ist für Jainas kein toter Stoff, sondern eine Ansammlung winziger Wesen. Der Buddhismus wiederum kennt fünf oder sechs Bereiche, Pflanzen gehören nicht dazu.

Der Kern des Gedankens ist nicht Strafe, sondern Verwandtschaft. Die Gītā ordnet die Geburtsformen nach den drei Guṇas, den Grundqualitäten der Natur: Klarheit (sattva), Getriebenheit (rajas) und Trägheit (tamas). Ein Geist, der von einer dieser Qualitäten beherrscht wird, findet einen Körper, der zu ihr passt. Die Tiergestalt ist in dieser Sicht kein Urteil von außen, sondern der Ausdruck dessen, was im Geist überwog. „Woran einer im Sterben denkt, dahin geht er“ (Gītā 8,6) sagt dasselbe von der anderen Seite.

Der Yoga zieht daraus keine Frage nach dem nächsten Körper, sondern eine nach dem heutigen Geist. Die Guṇas sind keine Etiketten für ein späteres Leben, sondern Zustände, die wir jetzt beobachten können: in der Trägheit am Morgen, in der Unruhe am Abend, in den klaren Augenblicken dazwischen. Yoga übt, Sattva zu stärken. Die Menschengeburt gilt als wertvoll, weil nur in ihr diese Übung möglich ist.

Vier Dinge, die man wissen sollte

  1. Prinzip und Katalog sind zweierlei. Die philosophischen Texte nennen nur das Prinzip: Die Geburtsform (jāti) ist eine Frucht des Karma (Yogasūtra 2,13). Welche Tat zu welcher Form führt, sagen sie nicht.
  2. Die Kataloge sind Rechtstexte. Die Manusmṛti ist ein Dharmaśāstra, eine Gesetzes- und Sittenlehre. Ihre drastischen Bilder sollen zur Einhaltung der Regeln anhalten. Sie sind Pädagogik, nicht Metaphysik.
  3. Die Lehre hat eine Schattenseite. Dieselbe Logik diente dazu, die Kastenordnung als verdient darzustellen; schon die Chāndogya nennt die Geburt als Brahmane oder Krieger „angenehm“. Das gehört zur Geschichte des Gedankens und sollte nicht ausgeblendet werden. Der Yoga selbst kennt keine solche Rangfolge: Vor den Kleśas sind alle gleich.
  4. Auch Griechenland dachte so. Platon lässt im Phaidon die Völler zu Eseln werden, die Gewalttätigen zu Wölfen und Habichten, die rechtschaffenen Bürger zu Bienen und Ameisen (81e bis 82b). Die Idee, dass der Charakter seinen Körper wählt, ist nicht nur indisch.

Über den Yoga hinaus

Reinkarnation in Bezug auf andere Traditionen

Die Wiedergeburt ist keine indische Sonderlehre. Sie findet sich in der griechischen Antike, in der jüdischen Mystik, am Rand des Islam und in der westlichen Neuzeit, jeweils mit eigener Begründung. Und die großen Religionen, die sie ablehnen, haben Gründe dafür, die sich zu kennen lohnen. Wähle links, was dich interessiert.

Buddhismus

Wiedergeburt ohne Seele

Der Buddhismus teilt mit dem Yoga den Kreislauf (saṁsāra) und das Ziel, ihn zu verlassen. Der Buddha selbst soll in der Nacht seines Erwachens seine früheren Leben geschaut haben (Majjhima-Nikāya 36). Der entscheidende Unterschied liegt darin, was wiedergeboren wird: Der Buddhismus lehrt Nicht-Selbst (anattā). Es gibt keinen Ātman, der von Körper zu Körper wandert.

Was weitergeht, ist ein Strom bedingter Vorgänge: Absichten, Eindrücke, Bewusstseinsmomente. Das Bild dafür stammt aus dem Milindapañha: Eine Flamme zündet eine zweite Kerze an. Die zweite Flamme ist nicht dieselbe wie die erste, aber auch nicht von ihr unabhängig. So ist der Neugeborene weder derselbe wie der Verstorbene noch ein völlig anderer.

Die Tradition kennt sechs Daseinsbereiche, die das Lebensrad (bhavacakra) zeigt:

  • Götter und Halbgötter
  • Menschen
  • Tiere
  • Hungergeister (preta)
  • Höllenwesen

Keiner dieser Bereiche ist von Dauer, auch der himmlische nicht. Die Menschengeburt gilt als besonders wertvoll, weil nur hier Erwachen möglich ist. Ein Gleichnis des Buddha vergleicht ihre Seltenheit mit einer blinden Schildkröte, die alle hundert Jahre auftaucht und dabei den Kopf durch ein einzelnes Joch steckt, das auf dem Ozean treibt (Majjhima-Nikāya 129). Der tibetische Buddhismus beschreibt im Bardo Thödol die Zwischenzustände zwischen Tod und neuer Geburt, traditionell 49 Tage. Das Ziel, Nirvāṇa, ist das Ende des Kreislaufs.

Der Weg

Was heißt das für heute?

Die Gītā beginnt mit einem Menschen, der vor dem Tod steht und nicht weiterweiß. Krishnas Antwort ist keine Vertröstung auf ein nächstes Leben, sondern eine Verschiebung des Blicks: „Die Weisen trauern weder um die Lebenden noch um die Toten“ (2,11), denn das, was sie sind, wird weder geboren noch stirbt es. Wiedergeburt ist in dieser Sicht kein Versprechen, sondern eine Beschreibung dessen, was geschieht, solange wir uns für Körper und Rolle halten.

Für den Alltag trägt der Gedanke auch ohne Metaphysik: Vergänglichkeit ernst nehmen, Gewohnheiten als Saat begreifen, Abschiede und Neuanfänge als Teil eines Rhythmus sehen statt als Störung. Jede Yogastunde übt das im Kleinen. Sie beginnt, entfaltet sich und endet in der Stille des Śavāsana, der „Totenhaltung“, aus der wir bewusst wieder aufstehen.

Was wir hier lösen, muss nicht mitgehen. Das ist die praktische Seite der Lehre, und sie gilt unabhängig davon, was man über das nächste Leben denkt.

Bei uns in der Praxis

  1. Jede Stunde auf der Matte endet im Śavāsana: loslassen, was war, und bewusst neu beginnen. Ein Kreislauf im Kleinen.
  2. Im Pranayama beobachten wir, wie jeder Atem kommt, sich entfaltet und geht. Wer das Ende des Ausatmens aushalten lernt, übt Vergänglichkeit ohne Furcht.
  3. Beim Singen trägt der Klang über das einzelne Wort hinaus. Viele Mantren richten sich an das, was nicht geboren wird und nicht stirbt.
  4. Im Coaching schauen wir auf Übergänge: Was endet gerade in deinem Leben, was beginnt, und welche Muster nimmst du mit, ohne es zu wollen?
Eine stillstehende Töpferscheibe mit einer fertigen Schale in einer Werkstatt im Abendlicht, der Hocker daneben ist leer
Die Scheibe steht, der Hocker ist leer: Das Begonnene ist ausgelaufen, nichts dreht sich mehr.

Das Ziel

Das Ende des Kreislaufs

Alle indischen Traditionen, die die Wiedergeburt lehren, lehren auch ihr Ende. Im Yoga heißt es Mokṣa, Befreiung, oder Kaivalya, das Für-sich-Sein des Bewusstseins. Die Chāndogya-Upanishad schließt ihre Unterweisung mit den Worten: Wer so lebt, erreicht die Welt des Brahman, „und er kehrt nicht wieder“ (8,15,1). Die Gītā sagt es mit denselben Worten: Wer zu mir gelangt, für den gibt es keine Wiedergeburt (8,16).

Das Ende des Kreislaufs ist kein Verlöschen. Was aufhört, ist das Wandern des Feinkörpers von einem Leib zum nächsten, weil kein Karma mehr da ist, das ihn treibt. Was bleibt, ist das, was nie gewandert ist: das Selbst, das die Gītā beschreibt als „nie geboren, nie sterbend, nicht geworden und nicht werdend, ungeboren, ewig, beständig, uralt“ (2,20). Wer dies erkannt hat, lebt sein Leben zu Ende, wie der Pfeil zu Ende fliegt, und wird nicht mehr geboren, weil er nie der war, der geboren wurde.

Im Karma-Artikel steht das Bild der Töpferscheibe, die sich noch dreht: Der Töpfer hat die Hände weggenommen, doch der Schwung trägt die Scheibe weiter, bis das Begonnene ausgelaufen ist. Hier ist der Schwung verbraucht. Die Scheibe steht, die Schale ist fertig, der Hocker leer. Kein neuer Anstoß kommt, weil niemand mehr etwas will. Das ist das Ende des Kreislaufs: nicht ein Abbruch, sondern ein Ausklingen.

Ob man das wörtlich nimmt oder als Bild: Die Richtung ist dieselbe. Nicht mehr leben wollen, nicht anders leben wollen, sondern erkennen, was in jedem Leben schon da ist.

Was nie geboren wurde, kann nicht sterben.

Magst du das, was bleibt, selbst erfahren?

Auf der Matte, im Atem und beim Singen übst du, Vergängliches loszulassen und bei dem zu bleiben, was nicht wandert. So wird aus dem Lesen ein Erleben.