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Wiki · Yoga-Wissen

Karma

Handeln und Wirkung

Das Karma (karma · कर्म) heißt wörtlich „Handlung“. Im Yoga meint es die Handlung und ihre Wirkung zugleich: Was wir tun, denken und sagen, hinterlässt Spuren, und diese Spuren formen, was wir erleben. Auf dieser Seite lernst du, was Karma bedeutet, ob es gutes und schlechtes Karma gibt, warum es im Yoga nicht ums Sammeln geht, und was bleibt, wenn kein Karma mehr da ist.

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Die Bedeutung

Was ist Karma?

Das Sanskrit-Wort karma (कर्म, Stamm karman) kommt von der Wurzel kṛ, „tun, machen, handeln“. Wörtlich ist Karma also einfach die Handlung. In den ältesten Texten, den Veden, meinte es vor allem die rituelle Handlung, das Opfer. Seit den Upanishaden weitet sich der Begriff: Karma ist jede Handlung in Gedanken, Worten und Taten, zusammen mit der Wirkung, die sie hinterlässt.

Die Brihadaranyaka-Upanishad bringt es auf einen Satz: Wie einer handelt und wie einer wandelt, so wird er. Wer Gutes tut, wird gut; wer Schlechtes tut, wird schlecht. Karma ist damit kein Urteil von außen, sondern ein Gesetz von Ursache und Wirkung: Jede Handlung prägt den Handelnden und legt den Grund für das, was er später erlebt.

Im Yogasūtra beschreibt Patañjali, wie das geschieht: Handlungen hinterlassen Eindrücke (saṁskāra) im Geist. Diese sammeln sich im Karmāśaya, dem „Speicher des Karma“, und reifen nach und nach zu Erfahrungen heran, angenehmen wie unangenehmen (Yogasūtra 2.12 bis 2.14). Ihre Wurzel sind die Kleśas, die fünf Ursachen des Leidens: Unwissenheit, Ich-Gefühl, Begehren, Abneigung und das Festhalten am Leben.

Karma„Handlung“, von kṛ „tun“. Im Yoga: die Handlung und die Spur, die sie hinterlässt. Im Deutschen sagen wir das Karma. Zur Tabelle →
Saṁskāra„Eindruck“: die feine Prägung, die eine Handlung im Geist zurücklässt. Aus vielen Eindrücken entstehen Neigungen und Gewohnheiten.
Karmāśaya„Speicher des Karma“: die Summe aller noch nicht ausgereiften Eindrücke. Aus ihm heraus reift, was wir erleben (Yogasūtra 2.12).
Vipāka„Reifung, Frucht“: die Wirkung, die aus einer Handlung hervorgeht. Nicht jede Frucht reift sofort; manche braucht lange.

Weiß, schwarz, gemischt

Gibt es gutes und schlechtes Karma?

Ja und nein. Patañjali unterscheidet drei Arten: weißes Karma aus heilsamen Handlungen, schwarzes aus schädlichen und gemischtes, das bei den meisten Menschen überwiegt. Weißes Karma reift zu angenehmen Erfahrungen, schwarzes zu leidvollen. So weit stimmt das Bild von gut und schlecht.

Entscheidend ist aber der Nachsatz: Für den Yogi ist Karma weder weiß noch schwarz (Yogasūtra 4.7). Denn auch weißes Karma bindet. Es bringt angenehme Früchte, hält uns aber genauso im Kreislauf von Handeln, Erleben und Wiedergeburt (saṁsāra) wie das schwarze. Eine goldene Kette ist immer noch eine Kette. Im Yoga gilt deshalb: Gutes tun, ja. Aber nicht, um damit etwas anzusammeln.

Yogasūtra 4.7 · karmāśuklākṛṣṇaṁ yoginaḥ · trividham itareṣām

Speicher, Ernte, Saat

Drei Arten von Karma

Die Vedānta-Tradition teilt den Speicher des Karma nach seiner Reife ein. Das Bild dazu ist der Bauer: Er hat Korn im Speicher, Korn auf dem Feld und Korn, das er gerade aussät.

Kornspeicher mit hohen Haufen goldenen Korns, Licht fällt durch ein kleines Fenster

सञ्चित

Sañcita

Das Angesammelte

Kurz gefasst

Die Summe aller Eindrücke aus diesem und aus früheren Leben, die noch nicht zur Wirkung gekommen sind. Der größte Teil des Speichers.

Bild

Das Korn im Speicher

Weites Weizenfeld mit einem Pfad zum Horizont, Vögel am Himmel

प्रारब्ध

Prārabdha

Das Begonnene

Kurz gefasst

Der Teil des Sañcita, der in diesem Leben reift: Körper, Familie, Umstände, Begegnungen. Was begonnen hat, läuft ab wie ein Pfeil, der die Sehne verlassen hat.

Bild

Das Korn auf dem Feld

Offene Hand, aus der Weizenkörner auf dunkle Erde fallen

आगामि

Āgāmi

Das Kommende

Kurz gefasst

Das Karma, das wir jetzt durch unser Handeln neu erzeugen, auch kriyamāṇa genannt. Es fließt in den Speicher zurück. Hier liegt unsere Freiheit.

Bild

Das Korn, das wir aussäen

Ein Missverständnis

Karma-Punkte sammeln?

Wenn wir heute von Karma sprechen, meinen wir meist eine Art "Konto": Gute Taten zahlen ein, schlechte werden irgendwann abgebucht, und wenn jemandem etwas zustößt, sagen wir schmunzelnd „Das war Karma“. Das Bild ist verständlich, denn es macht das Leben gerecht und überschaubar. Die Lehre des Yoga meint aber etwas anderes:

Oft gehörtKarma belohnt und bestraft.

Im YogaKarma urteilt nicht. Es gibt keinen Richter, der Punkte vergibt. Eine Handlung wirkt, wie ein Same aufgeht: nach seiner Art, nicht nach Verdienst.

Oft gehörtKarma wirkt sofort.

Im YogaManche Frucht reift in diesem Leben, manche viel später. Was heute geschieht, ist meist Ernte von lange zurückliegender Saat (Prārabdha).

Oft gehörtJe mehr gutes Karma, desto besser.

Im YogaAuch gutes Karma bindet an den Kreislauf. Das Ziel ist nicht ein volles Konto, sondern ein leerer Speicher: weniger Karma, nicht mehr.

Oft gehörtKarma ist Schicksal, also kann ich nichts tun.

Im YogaDas Begonnene läuft ab, doch das Kommende entsteht in jedem Augenblick neu. Wie wir auf unser Prārabdha antworten, liegt in unserer Hand.

Der Weg, den die Bhagavad Gītā zeigt, heißt Niṣkāma Karma, Handeln ohne Begehren: „Dein Anspruch gilt allein dem Handeln, niemals seinen Früchten“ (Gītā 2.47). Die Frucht (phala) ist das Ergebnis einer Handlung: Erfolg oder Misserfolg, Lob oder Tadel, Belohnung oder Verlust. „An der Frucht ziehen“ heißt, beim Handeln innerlich schon am Ergebnis zu hängen, es herbeizuwünschen oder zu fürchten. Genau dieses Hängen, nicht die Handlung selbst, hinterlässt den Eindruck im Speicher des Karma; denn es entspringt Begehren und Abneigung, zwei der Kleśas. Wer handelt, weil es richtig ist, und das Ergebnis loslässt, sät kein neues Karma. Das ist der Kern des Karma Yoga.

Über den Yoga hinaus

Karma in Bezug auf andere Traditionen

Leiden, Begehren und selbstloses Handeln beschäftigen nicht nur den Yoga. Andere Traditionen kommen zu verwandten Antworten, oft mit einem anderen Schwerpunkt. Wähle links, was dich interessiert.

Buddhismus

Absicht ist Karma

Der Buddhismus ist im selben Indien entstanden wie der Yoga und teilt mit ihm den Begriff Karma (Pali kamma). Der Buddha verschiebt aber den Schwerpunkt: „Die Absicht, ihr Mönche, nenne ich Karma“ (Aṅguttara-Nikāya 6.63). Nicht die äußere Tat prägt, sondern der Geisteszustand, aus dem sie kommt. Die Tradition nennt je drei Wurzeln:

  • Unheilsam: Gier, Hass und Verblendung
  • Heilsam: Großzügigkeit, Güte und Klarheit

Die Vier Edlen Wahrheiten kreisen um das Leiden (dukkha) und seine Ursache, das Begehren und Anhaften (taṇhā). Das ist den Kleśas des Yoga sehr nahe. Auch der Weg gleicht sich:

  • Ethik im Handeln, Reden und Leben
  • Sammlung des Geistes in Achtsamkeit und Meditation
  • Weisheit, die die Ursache des Leidens durchschaut

Im Buddhismus heißt dieser Weg Achtfacher Pfad, im Yoga sind es die acht Glieder.

Der große Unterschied liegt im Selbst. Der Yoga kennt den Ātman, das unwandelbare Selbst, das sich vom Karma befreit. Der Buddhismus lehrt Nicht-Selbst (anattā): Es gibt niemanden, der Karma „hat“. Die Eindrücke bedingen einander wie eine Flamme, die von Kerze zu Kerze weitergegeben wird, ohne dass etwas hinüberwandert. Das Ziel heißt Nirvāṇa, das Verlöschen von Gier, Hass und Verblendung. Der Weg dorthin ist Mitgefühl (karuṇā) und liebende Güte (mettā), nicht das Ansammeln von Verdienst.

Der Weg

Wie Karma weniger wird

Weil der Speicher des Karma in den Kleśas wurzelt, setzt der Yoga dort an: Wer Unwissenheit, Ich-Gefühl, Begehren und Abneigung schwächt, erzeugt weniger neues Karma. Die acht Glieder des Yoga sind genau dafür da: Ethik im Handeln, Übung mit Körper und Atem, Sammlung des Geistes.

Das Angesammelte wird durch Erkenntnis entkräftet. Das Bild der Tradition ist der geröstete Same: Er sieht aus wie zuvor, aber er keimt nicht mehr. Wer erkennt, dass er nicht Körper, Rolle und Gedanke ist, dem reifen die alten Eindrücke nicht mehr zu neuer Bindung heran.

Nur das Begonnene, Prārabdha, bleibt: Der Pfeil, der die Sehne verlassen hat, fliegt zu Ende. Deshalb leben auch Befreite ihr Leben mit Krankheit, Alter und Tod aus. Der Unterschied ist, dass sie nicht mehr daran haften.

Bei uns in der Praxis

  1. Auf der Matte übst du, eine Haltung zu halten, ohne sie zu bewerten: nicht tiefer wollen, nicht mit der Nachbarin vergleichen. Das ist Niṣkāma Karma im Kleinen.
  2. Im Pranayama und in der Meditation beruhigt sich der Geist. Alte Eindrücke steigen auf und dürfen vorübergehen, ohne dass neue entstehen.
  3. Beim Singen von Mantren geben wir das Ergebnis ab. Es geht um den Klang im Moment, nicht um Leistung.
  4. Im Coaching schaust du auf deine Muster: Welche Gewohnheiten wiederholen sich? Wo antwortest du auf Altes, statt neu zu wählen?
Blick eines Töpfers auf die noch drehende Scheibe mit einer fertigen Schale; die Hände ruhen auf den Oberschenkeln
Die Hände sind weggenommen, die Scheibe dreht sich noch: das Prārabdha läuft aus, ohne dass Neues entsteht.

Das Ziel

Was passiert, wenn wir kein Karma mehr haben?

Dann endet der Kreislauf. Die Tradition nennt diesen Zustand Mokṣa, Befreiung, oder mit Patañjali Kaivalya, das reine Für-sich-Sein des Bewusstseins. Wer keine neuen Eindrücke mehr setzt und dessen alte Eindrücke nicht mehr keimen, wird nicht wiedergeboren. Das Yogasūtra beschreibt es knapp: Daraus folgt das Aufhören der Kleśas und des Karma (4.30).

Das heißt nicht, dass ein Befreiter nichts mehr tut. Er handelt weiter, isst, spricht, lehrt, hilft. Nur hinterlässt sein Handeln keine Spur mehr, weil kein Ich daran zieht und keine Erwartung daran hängt. Sein Karma ist weder weiß noch schwarz. Das Bild dafür ist die Töpferscheibe: Der Töpfer hat die Hand längst weggenommen, und die Scheibe dreht sich noch eine Weile aus eigenem Schwung, bis sie von selbst stillsteht.

Ob man an Wiedergeburt glaubt oder nicht: Der Gedanke trägt auch im Hier und Jetzt. Ein Leben mit weniger Karma ist ein Leben mit weniger Anhaftung, weniger Rechnen, weniger „Was bekomme ich dafür?“. Was bleibt, ist das Handeln selbst, und die Freiheit darin.

Handeln, ohne an der Frucht zu ziehen.

Magst du das Handeln ohne Ziehen üben?

Auf der Matte, beim Singen und im Coaching übst du, im Tun zu bleiben, statt an der Frucht zu ziehen. So wird aus dem Lesen ein Erleben.